Monatsarchiv für Juni 2006

 
 

Unbekannter Anrufer

„Wieso hast du nicht nach den Kindern gesehen?“

Ich hatte die Hoffnung beinahe aufgegeben, aber es gibt sie noch: Jene kleinen, altmodischen Thriller, die es ohne Effekte und mit einfachen Mitteln schaffen, Spannung zu erzeugen und den Kinozuschauer im Kinositz zu fesseln. Dass es sich dabei um ein Remake des Klassikers „Das Grauen kommt um Zehn“ handelt und somit keine neue Geschichte erzählt wird, tut der Spannung keinen Abbruch…

Für alle, die nicht wissen, worum es geht:

Statt mit ihren Freunden die große Schulparty zu besuchen, muss die junge Jill, überzogener Handyrechnung sei Dank, in einem abgelegenen Haus babysitten. Doch nicht die Party besuchen zu können ist schon bald ihre geringste Sorge, denn bereits kurz nach ihrem Eintreffen beginnt ein Unbekannter damit, sie telefonisch zu belästigen. Da dieser Unbekannte Jill offensichtlich beobachtet, schaltet sie die Polizei ein, welche mit einer Fangschaltung das offenbart, was der Zuschauer bereits weiß: „Der Anruf kommt aus ihrem Haus…“…

Ja, der Film ist altmodisch. Ja, er fügt dem Thriller-Genre nichts neues hinzu. Aber: Er funktioniert!

Bereits in der Anfangssequenz wird klar, dass es Simon West („Con Air“, „Die Tochter des Generals“) mehr um Spannung als um eine plakative Darstellung von Gewalt geht: Eine junge Frau wird im Off ermordet, die Polizei rückt am nächsten Morgen an und stellt den Tatort sicher. Ein älterer, sichtlich erfahrener, Polizist betritt den selbigen, lässt seinen Blick schweifen und beginnt, trotz jahrelanger Erfahrung, mit Würgereflexen zu kämpfen. Während er vor der Haustür frische Luft schnappt, sieht man andere Polizisten die Reste von dem wegtragen, was einmal eine junge Frau gewesen ist – verteilt in mehreren schwarzen Plastiktüten. Kein Blut wird gezeigt, keine Leichenteile sind zu sehen, es wird alles der Phantasie des Zuschauers überlassen, was die Tat des Mörders umso grausamer wirken lässt.

Im Hauptplot selbst geht es dann recht routiniert, aber nicht minder spannend zu: Unter lautem Krach hervorspringende Katzen, bei Bewegung automatisch an- und abdimmende Lampen, unerwartete Besucher und natürlich die immer häufiger werdenden Anrufe sorgen dafür, dass man sich dem Film nur schwer entziehen kann.
Sobald Jill dann erfährt, dass ihr Peiniger sich bereits in dem Haus befindet, beginnt eine Jagd auf Leben und Tod – und damit komme ich zum größten Schwachpunkt des Films: Das Ende kommt zu abrupt, nämlich praktisch dann, wenn die Spannung gerade auf dem Höhepunkt angelangt ist. Wirkungsvoller wäre es wohl gewesen, den Mittelteil etwas zu kürzen und die Jagd dafür umso länger zu gestalten – das Haus hätte hierfür sicherlich viele Möglichkeiten geboten.

Nichtsdestotrotz hat Simon West mit diesem Film einen sehr guten Genre-Beitrag abgeliefert, der mit einem unerwartet beängstigenden Killer aufwartet: Die Ruhe, mit der er seine Opfer erst terrorisiert und dann jagt, zeugt von einer Selbstsicher- und Überlegenheit, die keine Zweifel daran aufkommen lässt, dass er sein Spiel als Gewinner verlassen wird.

Fazit: Für Freunde gepflegter Spannung trotz kleiner Schwächen uneingeschränkt zu empfehlen.

Wertung: 8/10

X-Men – Der letzte Widerstand

Nachdem Bryan Singer das X-Men-Ruder zu Gunsten seines Wunschprojektes „Superman Returns“ abgab und nach mehreren Komplikationen Brett Ratner verpflichtet wurde, waren die Zweifel der Fangemeinde groß, hatte Singer doch mit „X-Men“ und „X-2“ zwei der bislang besten Comicverfilmungen abgeliefert. Dass diese Zweifel zum Glück unbegründet waren, ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass Ratner praktisch keine Vorbereitungszeit für „X-Men – Der letzte Widerstand“ hatte.

Worum geht’s?

Die Integration der Mutanten schreitet voran: Dank Aufklärungsarbeit und einer wohlgesonnenen Regierung langsam akzeptiert, gehen die Mutanten ihrem Alltag nach. Doch liegt bereits ein dunkler Schatten über dem Frieden: Der Vater eines Mutanten hat von seinen Wissenschaftlern ein Mittel erfinden lassen, welches das X-Gen unterdrückt und somit aus Mutanten „normale“ Menschen macht. Aus, nicht ganz unbegründeter, Angst, die Regierung könnte dies Mittel als Waffe gegen Mutanten einsetzen, scharrt Magneto unzählige Gleichdenkende um sich und startet, unterstützt von Jean Grey, deren dunkle Seite durch den Vorfall im Vorgänger freigelegt wurde, einen letzten großen Angriff…

Auch wenn „X-Men – Der letzte Widerstand“ nicht an den großartigen ersten Teil rankommt, muss ich zugeben, dass er mir besser gefallen hat als „X-2“: Die Entwicklung von Jean Grey zu Phoenix, der (teils unerwartete) Verlust zahlreicher Protagonisten und nicht zuletzt die Frage, ob es moralisch vertretbar ist, Menschen, die anders sind, mittels eines Medikamentes der Norm anzupassen, heben den Film weit über den Comic-Durchschnitt.

Die Spezialeffekte, in einer Comicverfilmung durchaus ein wichtiger Punkt, sind wie bereits in den Vorgängern hervorragend und passen sich perfekt in den Film ein. Vorallem des letzte Drittel strotzt förmlich vor Effekte, welche zwar nicht immer einen Sinn ergeben (wozu eine ganze Brücke schweben lassen, wenn man den Transport auch einfacher hätte bewerkstelligen können?), aber immerhin sehr schön anzusehen sind.

Viele Schwachpunkte lassen sich nicht finden: Von der Musik, die nicht einmal ansatzweise an den Score der Vorgänger rankommt, einmal abgesehen, ist mir lediglich ein unnötiger Fehler negativ aufgefallen, den ich seit den Filmen von Ed Wood nicht mehr gesehen habe: Ein abrupter Wechsel von Tag bzw. Dämmerung auf eine tiefschwarze Nacht. In einem Blockbuster sollte so etwas eigentlich nicht vorkommen…

Fazit: Für Comic-Liebhaber und besonders für Fans der X-Men ein absolutes Muss. Und noch ein kleiner Tip von mir: Beim Abspann nicht gleich aufstehen… ;-)

Wertung: 9/10

Final Destination 2

Da haben wir sie also: Die Fortsetzung zu einem der wie ich finde spannendsten und originellsten Horrorfilme der letzten Jahre. Für alle, die aufgrund der missratenen Fortsetzungen der letzten Jahre befürchten, dass es sich hierbei lediglich um einen kalten Aufguss handelt, kann ich eine Entwarnung aussprechen: Der Film steht dem Erstling in nichts nach!

Zur Story: Die junge Kimberly ist mit ihren Freunden unterwegs zum Highway. Auf der Auffahrt hat sie eine Vision von einem schrecklichen Autounfall, bei dem unzählige Menschen ums Leben kommen, blockiert in Panik mit ihrem Wagen die Straße und rettet dadurch einigen Menschen das Leben. Doch wie wir ja bereits wissen, lässt sich der Tod nicht so einfach überlisten…

Auch wenn sie am Anfang aussieht wie ein simples Remake des ersten Teiles, entwickelt sich die Story im Verlauf des Filmes zu der logischen und konsequenten Fortsetzung der ursprünglichen Geschichte. Um Spoiler zu vermeiden, verzichte ich darauf, mich mehr mit der Story zu befassen und widme mich eher der technischen Seite:

Der Unfall zu Beginn des Filmes ist hervorragend choreographiert und zeigt erschreckend reale Bilder einer Tragödie, wie sie tagtäglich passieren kann. Generell sind sämtliche Todesszenen gut ausgearbeitet und mit reichlich Gore versehen – ich frage mich ernsthaft, wie dieser Film eine FSK16-Freigabe erhalten konnte.

Auch die Spannung des Filmes liegt durchweg auf hohem Niveau, wobei es weniger darum geht, wer überlebt, als vielmehr darum, wie die Beteiligten ums Leben kommen. Oft spielt der Regisseur mit uns, deutet den Tod an, lässt den Protagonisten jedoch wieder von der Schippe springen um ihn 5 Minuten später endgültig ins Jenseits zu befördern.

Die Schauspieler machen ihre Sache gut, fallen allerdings auch nicht besonders auf. Man könnte sagen sie spielen zweckmäßig. Gefreut habe ich mich über ein Wiedersehen mit Tony Todd, der, wie schon im ersten Teil, seine diabolische Ausstrahlung voll ausspielen darf.

Fans des ersten Teiles sollten sich den Film unbedingt anschauen – für mich ist dies die beste Fortsetzung der letzten Jahre!

Hellraiser: Hellworld

„Willkommen in der Hölle“

Sorgte dieser Spruch in Verbindung mit einem neuen Hellraiser-Film vor vielen vielen Jahren noch für ein Leuchten in den Augen zahlreicher Horrorfans, so sorgt selbige Kombination heute nur noch für ein Klappern der Zähne – vor Furcht, den neuesten Rick Bota-Film vorgesetzt zu bekommen.

Als Clive Barker 1987 seinen eigenen Roman in die Kinos brachte, begann eine neue Ära des Horrorfilms, welche mit „Hellbound: Hellraiser 2“ mehr als würdig fortgesetzt wurde. Die Geschichte rund um die Cenobiten, welche denjenigen, die es wagten, sie mittels eines Rätselwürfels zu rufen, ihre Definition von Lust nahelegten, überzeugte Publikum wie Kritiker gleichermaßen. „Hellraiser 3: Hell On Earth“ und „Hellraiser 4: Bloodline“ konnten zwar nicht vollends überzeugen, waren aber immer noch sehenswerte Genre-Produktionen, die die Geschichte der Cenobiten weiter ausführte und letztlich zu einem Ende brachten.

Doch mit Teil 5 änderte sich der Stil der Serie und die Cenobiten rückten mehr und mehr in den Hintergrund. Stattdessen begann die Serie ins Mystische abzudriften und sich intensiver mit den Protagonisten und deren persönlicher Hölle zu beschäftigen, während Pinhead nur noch in kurzen Szenen als Drahtzieher auftauchen durfte.

Mit „Hellraiser: Hellworld“ liegt nunmehr der achte Teil der Serie vor, welche sich hiermit von den mystischen Wurzeln löst und sich am ehesten in die Kategorie der Teenie-Slasher einordnen lässt:

Ein paar Jugendliche gewinnen bei dem Internet-Spiel „Hellworld“, basierend auf dem bekannten Hellraiser-Universum, Karten zu einer der angesagten Hellworld-Partys. Dort angekommen, müssen sie feststellen, dass die Cenobiten weitaus realer sind als vermutet, und lassen im guten alten 10-kleine-Negerlein-Prinzip ihr Leben.

Wer ein wenig recherchiert, findet heraus, dass auch dieser Teil, wie bereits der Vorgänger „Hellraiser: Deader“, ursprünglich nicht als Hellraiser-Film geplant war – und das merkt man ihm auch allzu deutlich an: Spätestens wenn Pinhead einen Mord mit einem Beil begeht, weiß man, dass es mit der Hellraiser-Serie zu Ende geht und man die Hoffnung auf eine würdige Fortsetzung begraben sollte.

Bewertet man den Film losgelöst von seinem prominenten Namen, schlägt er sich hingegen recht wacker und weiß durchaus zu unterhalten. Sieht man von den unzähligen Logikfehlern ab, bekommt man eine zügige Inszenierung, trotz der Freigabe ab 16 recht harte, wenn auch teils billig aussehende, Todesszenen, einen wie immer hervorragenden Lance Henriksen sowie eine unerwartete Auflösung geboten, die für einen Film dieser Klasse inhaltlich erstaunlich gut ausfällt.

Wer sich damit arrangieren kann, dass Hellraiser nicht mehr der Gothic-Horror ist, der er einmal war, und dem Genre offen gegenüber steht, sollte dem Film eine Chance geben – wer darauf hofft, eine würdige Fortsetzung zu sehen, sollte seine Horrorhelden in Frieden ruhen lassen…

Wertung: 5/10

Dämonisch

Bevor ich mit der eigentlich Kritik beginne, gibt es erstmal eine Anmerkung: “Dämonisch” ist in meinen Augen ein Mysterythriller – nicht mehr und nicht weniger! Der Film ist kein Portrait eines Serienkillers, keine Aufarbeitung real geschehener Morde, kein realistischer Thriller – der Film ist ein Märchen für Erwachsene! Ihm zu unterstellen, er würde Morde rechtfertigen wollen (wie es in vielen Kritiken geschehen ist), halte ich für völlig fehl am Platz.

Also, worum geht’s: FBI-Agent Wesley Doyle (Powers Boothe) ist mit der Aufklärung mehrerer Morde durch die sogenannte “Hand Gottes” beauftragt. Völlig im Dunkeln tappend, erscheint eines Tages ein junger Mann (Matthew McConaughey), der behauptet, die Identität des Killers zu kennen.
Von nun an erzählt der Film in Rückblenden die Geschichte des jungen Mannes, seines Bruders und seines Vaters (Bill Paxton), der sich aufgrund einer göttlichen Eingebung dazu berufen fühlte, Dämonen zu töten, welche in menschlicher Gestalt auf der Erde leben.

Kommen wir erstmal zum größten Kritikpunkt des Filmes: Der Spannung. Als wirklich spannend empfand ich den Film zu keiner Zeit. Wer also glaubt, mal wieder einen Film sehen zu können, bei dem man sich in den Kinosessel vergraben muß, ist hier fehl am Platz. Die Geschichte wird ruhig, unspektakulär und ohne einen Spannungsbogen aufzubauen erzählt. Paradoxerweise wird einem dennoch nicht langweilig, da der Film die fehlende Spannung durch eine tolle Atmosphäre wieder ausgleicht.
Womit wir auch schon beim größten Pluspunkt des Filmes wären: Die Atmosphäre wird wirklich hervorragend eingefangen! Der Film ist düster, bedrohlich und bedrückend. Wenn der Vater mit der Axt “Dämonen” tötet, während seine Söhne, welche sich noch im Kindesalter befinden, daneben stehen, läuft es einem eiskalt den Rücken runter.

Die Schauspieler agieren allesamt überzeugend. Vorallem Bill Paxton zeigt als gläuber Vater eine sehr gute Leistung und auch die Kinder, welche ja oft eher als nervig empfunden werden, spielen ihre Rollen glaubwürdig.

Fazit: Wer Akte X mag, wird den Film lieben. Alle anderen sollten sich auf einen ruhigen Mysterythriller einstellen und keinen Mainstream erwarten.

Zum Schluß noch eine Anmerkung zur FSK-Einstufung:
Den Entschluß, den Film ab 18 freizugeben, kann ich nicht ganz nachvollziehen. Sicherlich ist die Geschichte nicht für Kinder geeignet, aber da bei den Morden grundsätzlich abgeblendet wird, hätte eine FSK 16-Freigabe auch gereicht…