2004 drehte der Engländer Christopher Smith den von Kritikern wie Publikum gleichermaßen unbeachteten Horrorfilm „Creep“. Inhaltlich nicht überzeugend, konnte der kleine dreckige Film durch seine Optik und Atmosphäre dennoch einige Pluspunkte sammeln. Mit „Severance“ läuft derzeit der nächste kleine dreckige Smith-Film (nur zur Erinnerung: Nicht Kevin, Christopher!) in den Kinos – kann Smith neben der Atmosphäre diesmal auch inhaltlich punkten?

Eine Gruppe von Mitarbeitern eines Waffenherstellers wird zum Teamtraining nach Osteuropa geschickt. In einer Hütte und den umliegenden Wäldern sollen durch Gruppenspiele und -gespräche Teamklima und Zusammenhalt gefördert werden. In der Hütte angekommen, erzählen sich die Kollegen moderne Mythen von wahnsinnigen Soldaten, die früher in solchen Hütten therapiert werden sollten, jedoch flüchten konnten und nun in den Wäldern leben. Schon bald soll sich herausstellen, dass an den Geschichten mehr dran ist…

„Severance“ beginnt vielversprechend mit einer Hetzjagd durch den Wald: Zwei Frauen und ein Mann werden gejagt, alle drei werden Opfer von gestellten Fallen. Während uns das Schicksal des Mannes blutig präsentiert wird, bleibt das der Frauen offen, wird aber zum Ende wieder aufgegriffen.

Nach diesem Auftakt schaltet Smith erstmal einen Gang runter und präsentiert uns die Charaktere, die uns bis zum Ende des Films, oder auch nicht, begleiten dürfen. Ob die eindimensionalen Figuren Lustlosigkeit zuzuschreiben oder beabsichtigt sind, vermag ich nicht zu beurteilen: Da wären die Blondine (auf die alle männlichen Kollegen irgendwie scharf sind), der Freak (der ständig irgendwelche Drogen intus hat), der Vorgesetzte (wie alle Vorgesetzten inkompetent und unbeliebt), der Schleimer (optisch natürlich alles andere als eine Granate), der Besserwisser (optisch natürlich eine Granate), die bebrillte Büromaus (optisch natürlich alles andere als…moment, das hatten wir schon) und der Quotenschwarze (wird der Schwarze überleben, was meint ihr?).

Leider bleibt Smith zu lange im ruhigen ersten Gang und nimmt dem Film damit zu viel Fahrt: Erst nach dem Zuschnappen der ersten Falle, was gefühlte 60 Minuten dauert, schaltet Smith einen Gang höher und schenkt uns einen Backwood Slasher, garniert diesen mit einem Schuss „Hostel“ und fügt dann, nach gefühlten 80 Minuten (sobald wir und die Überlebenden glauben, es überstanden zu haben) noch einen großen Anteil „Surviving The Game“ hinzu. Erst von diesem Moment an entfaltet der Film sein volles Potential und zeigt uns einen rücksichtslos-blutigen Kampf um das nackte Überleben.

Was dem Film zu Gute kommt, sind die zahlreichen ironischen und teils extrem zynischen Momente. Da wären z.B. der aus Selbstverteidigung resultierende großartige Einsatz eines Raketenwerfers. Oder die Rolle eines Schwarzen in einem Werbespot. Oder ein Kopfschuss, der damit begründet wird, dass man sich später nicht vorwerfen lassen wolle, dass man den Psychopathen trotz Chance nicht getötet habe. Oder ein Toilettengang, der mit den Worten „ich komme gleich wieder“ beginnt, aber nicht mit dem Tod der betreffenden Person endet. Oder eine Spinne, die nicht die Reaktion auslöst, die man normalerweise bei Frauen erwartet. Oder oder oder…

Die Schauspieler dürften den meisten, wie auch mir, unbekannt sein, lediglich Laura Harris („The Faculty“, „The Calling“) wird der eine oder andere bereits bewusst wahrgenommen haben. Nichts desto trotz machen sie ihre Sache gut, ohne sich besonders positiv hervorzuheben.

Um schlussendlich die Anfangsfrage zu beantworten, ob Christopher Smith es geschafft hat, neben der Atmosphäre diesmal auch inhaltlich zu punkten: Jein! Der mit vielen zynischen Spitzen ausgestattete Film ist zwar geringfügig komplexer als „Creep“, leidet dafür aber unter einem zu zähen Einstieg und abermals zu oberflächlichen Figuren. Für Genre-Fans ist der Film auf jeden Fall einen Blick wert, zu diesem Genre bekehren wird man mit „Severance“ aber niemanden.

Wertung: 6/10

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