Der Alltag bietet heutzutage nicht mehr viele Herausforderungen. Das Alphamännchen erkämpft sich seinen Platz über das modernere Handy und Raubtieren begegnet man(n) höchstens in blondierter Form. Eine der wenigen noch existierenden Herausforderungen ist das Fernsehen. Wer es schafft, sich ohne zu verblöden das aus Call-In-Shows, Richtersendungen und sonstigem Trash-TV bestehende Programm über mehrere Tage anzuschauen, dem gebührt Respekt. „Free Rainer“ verrät, wie es dazu kommt, dass das Fernsehen ist, was es ist.

Worum geht’s

Eine Frau, drei Kandidaten, ein Spermatest. Der Mann, der das beste Sperma bietet, gewinnt eine Reise mit der jungen Frau – Zeugungsakt inbegriffen. Willkommen bei „Deutschland sucht das Superbaby“. Kreativer Kopf hinter dem Konzept: Der arrogante TV-Produzent Rainer (Moritz Bleibtreu). Ständig unter dem Einfluss von Koks und Alkohol stehend, liefert Rainer seinem Sender die besten Quoten – bis er von der jungen Pegah (Elsa Sophie Gambard), deren Großvater sich aufgrund einer von Rainers Sendungen das Leben genommen hat, beinahe getötet wird. Gemeinsam beschließen Pegah und der ausgebrannte Rainer, dem TV-Wahnsinn entgegen zu wirken und das System hinter den TV-Quoten zu manipulieren, um so ein besseres TV-Programm zu erzeugen…

Meine Meinung

Kennt ihr jemanden, der eine Quotenbox bei sich stehen hat? Nein? Ich auch nicht. Verwunderlich ist das nicht, immerhin gibt es davon in Deutschland nur 5.500 Stück. Diese 5.500 Quotenboxen messen das Sehverhalten von ca. 13.000 Menschen. Und diese 13.000 Menschen entscheiden anhand von Hochrechnungen, was 80 Millionen Deutsche täglich zu sehen bekommen. Klingt abstrus? Ist aber so.

Genau dieses System kritisiert, wenn auch nicht ohne Fehler, Regisseur Hans Weingartner („Die fetten Jahre sind vorbei“) in seinem aktuellen Kinofilm. Und das mit Hilfe einer durchaus interessanten Geschichte. Doch nicht nur das TV-System, auch wir Zuschauer bekommen unser Fett weg. Die TV-Macher kritisiert Weingartner dafür, dass sie nur noch auf die Quoten achten und dafür auf Originalität und Vielfalt verzichten. Ganz zu schweigen von dem in Vergessenheit geratenen Informationsauftrag, den die Medien eigentlich erfüllen sollten. Wir hingegen müssen uns die Frage gefallen lassen, wie wir es soweit haben kommen lassen, dass das TV-Programm größtenteils aus einheitlichem Müll besteht. Wissen wir wirklich nichts Besseres mit unserer Zeit anzufangen, so dass wir es vorziehen, selbst den größten Mist zu schauen, statt den Fernseher einfach auszuschalten?

Auch wenn „Free Rainer“ wichtig und richtig ist, so hätte Weingartner dennoch auf die schablonenhafte Charakterzeichnung der Figuren und den doch arg erhobenen Zeigefinger verzichten können. Nötig hätte der Film das nicht gehabt. Auch ohne Moralkeule und mit weniger überzeichneten Figuren hätte „Free Rainer“ seine Wirkung nicht verfehlt. Hinzu kommt, dass der Film mit einer Laufzeit von 138 Minuten die eine oder andere Länge mit sich bringt, was sicherlich zu vermeiden gewesen wäre.

Moritz Bleibtreus Leistung extra zu erwähnen, erspare ich mir an dieser Stelle. Der Mann war schon immer ein Grund, ins Kino zu gehen. Stattdessen spreche ich lieber ein besonderes Lob für Elsa Sophie Gambard aus, die in „Free Rainer“ ihr Leinwanddebüt gibt und eine wirklich tolle Leistung abliefert. Bleibt zu hoffen, dass „Free Rainer“ nicht ihr erster und letzter Film sein wird.

Mein Fazit

Mehr Drama als Komödie, ist „Free Rainer“ eine zwar überzeichnete, aber dennoch erschreckend realistische Medien- und Gesellschaftskritik, die interessante Informationen zum TV-Wahnsinn und dem dahinter stehenden System liefert. Leider können weder das wichtige Thema noch die überzeugenden Darsteller verbergen, dass der Film ca. eine halbe Stunde zu lang geraten ist und der moralische Zeigefinger zu hoch erhoben wird.

Meine Wertung: 7/10

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